Erinnerungen eines Priesterkindes

Was habe ich noch alles in Erinnerung?


Sicherlich irgendwann den Gedanken, dass wenn ein Priester mit einer Nonne ein Kind zeugt
nur die absolute Sünde dabei rauskommen kann. Aber dann auch diesen "JETZT ERST RECHT"-Gedanken,
es jetzt erst recht zu versuchen mit dem Glauben. Nicht an Sünde, sondern an Wohlwollen. Nicht an Hass,
sondern an Liebe. Und mit diesem Gedanken sollte ich durch mein Leben gehen, trotz aller Umstände.

Zudem genügend Sünden auf der Welt erleben, die den Sarkasmus, der schon damals in diesem Sünde-Gedanken
zum eigenen Schicksal lag noch verstärkten. Nicht ernst zu nehmen, dieser Sünde-Gedanke. Was man allerdings
dann doch ernst nimmt: Man ist was besonders durch diese Umstände. Jemand hat sich aufgrund von Liebe
etwas getraut, dass manche als Sünde sehen. Jemand sollte lieber einem Fremden, Andersgläubigen, den ansonsten
jeder verurteilt das Leben retten, anstatt ihn auch zu verurteilen. Genauso schenkt man lieber ein Leben indem man ein Kind zeugt,
das dieses Leben lieben wird, als zu verdrängen und weiter zu verdrängen,
um am Ende das eigene Leben dann eben nicht mehr lieben zu können.

Ich liebe mein Leben, ich habe so viele Dinge erlebt an die ich mich immer, mein Leben lang mit einem
inneren Lächeln erinnern werde, und das genügt. Es wiegt alle schlechten Erlebnisse auf, und selbst wenn
es das nicht täte, das Lächeln wäre immer noch da. Vielleicht seltener, aber es wäre noch da.
Das innere Lächeln beim Gedanken an Erinnerungen.

An was kann ich mich sonst noch erinnern?
Sicherlich an Bilder von meinem Vater, wie er Fussball spielt, für den FC Ökumene.
Wie meine Mutter mit mir an der Hand über den Zebrastreifen geht, und ich mein Eis
einfach mitten auf die Straße schmeiße. Meine Mutter hebt es wieder auf, meint sowas gehöre doch in den Mülleimer.
Ich hole es wieder raus aus dem Mülleimer, bringe es zurück an die Stelle, wo ich es vorher auf die Straße
geschmissen hatte und schmeiße es wieder hin.
Meine Mutter lächelnd auf einem Foto, wie sie im Gemüsebeet sitzt. Ich weiß nicht mehr was sie da gemacht hat, ob etwas angepflanzt,
etwas geerntet, Unkraut gejätet oder die Bierfallen für die Schnecken aufgefüllt. Aber an ihr Lächeln erinnere ich mich noch,
und bei dieser Erinnerung lächle ich meistens mit.

An mich und den Nachbarsjungen, wie ich ihm mit den Fingern zeige wie alt ich schon bin, vier kleine Finger, ich bin so alt,
vier Jahre bin ich alt. Dabei sah ich nicht zu meinem Freund, dem Nachbarsjungen auf, sondern ich beobachtete
die Schatten meiner Finger. Ich zählte nicht die vier Finger, sondern die vier Schatten meiner Finger,
ein Schatten, zwei Schatten, drei Schatten, vier Schatten. Vier, so alt bin ich, schau!

Ich erinnere mich an einen Kirchentag, in einem Stadion, wo eine riesige aufgeblasene Gummiweltkugel herumwanderte
und die Leute für den Frieden sangen.
Und daran, wie ich die Gästehäuser erforscht habe, als ich mit meinen Eltern auf solchen Treffen war. Damals musste ich
in jedem Haus jeden Knopf von jedem Stockwerk im Aufzug gedrückt haben, das Stockwerk von vorne bis hinten abgegangen sein,
erst dann war ich zufrieden.
Und heute wohne ich in einem Haus im ersten Stock und habe mich bisher nie über mein Stockwerk hinausgetraut.
Vorbei ist's mit dem kindlichen Forscherdrang.

Ich erinnere mich auch daran, wie meine Eltern überall, an jeder Kirche anhalten mussten um sie sich anzuschauen.
Und wie ich mich dann bei so etwas gesträubt habe, nicht mit wollte. Nicht schon wieder in eine Kirche!
Und was mache ich heute? Heute, wenn ich in den Bergen wandern gehe, mache ich vor fast jedem Flurdenkmal ein Kreuzzeichen,
nur weil es mich an die Kirchen durch die mich meine Eltern geschleppt haben erinnert.
Ich schaue in jede kleine Kapelle, Kreuzzeichen, ein paar Cents für den Opferstock, kurz hinsetzen und im Gedanken ein Gebet sprechen.

Ich erinnere mich, wie ich andächtig das Tischgebet aufsagen durfte als Kind. Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir...
eigentlich habe ich an dieser Stelle einen Fehler gemacht, ich habe gesagt: Jedes Blümlein trinkt von MIR. Als meine Mutter mich
darauf hinwies nahm ich die Gießkanne, goss die Blumen auf dem Fensterbrett und meinte: "Wieso? Sie trinkt doch von mir.“
Und heute? Heute danke ich Gott immer noch manchmal vor dem Essen, nur in einem kurzen "Dem Herr sei Dank für Speis und Trank"-Satz.
Kommt darauf an wie hungrig ich bin. Denn wenn ich sehr hungrig bin vergesse ich es manchmal.

Ich erinnere mich auch, dass ich eines Tages ins Wohnzimmer kam, im Fernseher lief gerade die Tagesschau.
Und neben irgend einer Katastrophe bei der viele Menschen sterben mussten, wurde der Geburtstag irgend eines Prominenten bekanntgegeben.
Und ich fragte: "Wieso reden die zuerst davon, wie viele Menschen gestorben sind, und im nächsten Moment von irgend einem Prominenten?
Das ist doch schrecklich."

Ich erinnere mich an Familienkreise, zu denen meine Eltern eingeladen hatten. An einen freundlichen Herrn mit Schnauzer,
der immer Pfeife geraucht und der beim Kartenspielen am lautesten gelacht hat. An gemeinsames Singen und gemeinsames Essen und Trinken.

Und an Ausflüge, an Wanderungen bei denen ich immer versucht habe, auf den nächstbesten Felsen zu klettern,
um zu zeigen wie gut ich klettern kann.
Heute bevorzuge ich im Gebirge Gipfel die man ohne Klettern erreicht als Wanderziel.

Ich erinnere mich an die polnischen Asylbewerber, die mein Vater in Deutsch unterrichtet hat, und die er auch zu uns nach Hause einlud.